Schulportrait aus dem Buch:
Eine Stadt macht Schule
Klinkhardt Verlag, Bad Heilbrunn Erscheinungstermin: Sommer 2006
Kurzbeschreibung
Die Verbindung von neuen Medien und Sprachunterricht wird von der Grundschule an der Keilberthstraße auf sehr spannende Weise vorgelebt. Die hier vorgestellte virtuelle Begegnung im Französischunterricht von deutschen und französischen Schülern kann auf alle anderen Sprachen übertragen werden. Und es ist offensichtlich leichter, alltäglich die französische Partnerschule zu besuchen, als man denkt.
Schulleitung: Peter Milovanovic & Andrea Pelters
Steuergruppe:
Nicole Imbert-Buckenmaier, Sonja Bichlmeier, Peter Milovanovic
Website:
Virtuelle Begegnung im Französischunterricht – Unsere neuen Wege und Erfahrungen
Angeregt wurde diese neuartige Arbeitsweise durch die französischen Kollegen der Partnerschule von Saint-Maximin, die auf der Suche nach neuen Methoden und Mitteln waren, um den Deutschunterricht innovativ und lernintensiv zu gestalten. Unsere französische Partnerschule hatte das Ziel, dass Fremdsprachenunterricht lebendig, motivierend, realitätsnah und erlebnisreich ist.
Was und wie wir es gemacht haben
Der Französischunterricht an unserer Grundschule findet nicht nur mehr im Klassenzimmer ( nur bei den Vor- und Nachbereitungsphasen ), sondern auch im Computerraum statt. Dies nahmen die Schüler mit Spaß und Stolz an. Der künstliche Rahmen des gewohnten Lernorts „Klassenzimmer“ wird durch den virtuellen, von den Kindern aber als real empfundenen Rahmen des französischen Klassenzimmers per Live-Videoübertragung ersetzt. Beide Klassen sehen sich in ihren Arbeitsräumen, hören sich und können direkten Videokontakt aufnehmen.
Dieser Kontakt erwies sich als effektive und reizvoll für alle, auch die Lehrkräfte inbegriffen. Beim herkömmlichen traditionellen Kontakt mit der Partnerklasse kommen Post, Videos und Kassetten zeitverzögert an und spiegeln ein bereits vergangenes Bild der Kinder und ihres Schullebens. Bei der virtuellen Begegnung hingegen tauscht sich der Schüler mit seinem ‚Internetfreund’ wie in einer realen Begegnung aus.
Diese Verbindung zwischen Internettechnik und Fremdsprachenlernen wurde erstmals im November 2002 ausprobiert und begeisterte von Anfang an Schüler, Lehrer und Eltern. Seitdem haben sich Zusammenarbeit und Freundschaft zwischen der Keilberthschule und der Ecole primaire Saint-Maximin bei Schülern, Lehrern und Eltern so intensiviert, dass die Projektarbeit bereits in der dritten Klasse und dem CM1 anfängt und einmal wöchentlich durchgeführt wird. In der vierten Klasse „treffen“ sich die Kinder außerhalb des Fremdsprachenunterrichts in ihrem Klassenzimmer und zu vereinbarten Zeiten für verschiedene Aktivitäten wie singen, basteln, rechnen, malen oder einfach um sich zu grüßen. Da unsere Partnerschule sehr klein ist, können wir leider jeweils nur mir einer Klasse pro Jahrgang arbeiten.
Prozess in drei Phasen
Die virtuelle Begegnung ist die mittlere von drei Phasen und auch die wichtigste, denn sie fordert bei Schülern Einsatz, Konzentration und Selbstständigkeit. Die zwei anderen Phasen, Vorbereitung und Nacharbeit, finden im Klassenzimmer statt. Die Verbindung mit der Partnerschule wird gleichzeitig in Saint-Maximin und in der Keilberthschule aufgebaut, was wenig Zeit und minimale Informatikkenntnisse braucht. Die verschiedenen Aufgaben werden in der Vorbereitungsstunde je nach Kompetenzen an die Schüler verteilt. Der Umgang mit dem Computer spielt dabei eine große Rolle :
die Webcam installieren, den Computer hochfahren, ins Internet gehen, das Programm einstellen, den Chat bei Nachfragen benutzen, am Telefon antworten, die von den Brieffreunden erhaltenen Informationen aufschreiben.
Die Inhalte sind nicht neu, es geht um Freunde, Familie, Freizeit, Schule, Tiere u.a.m. Neu sind Vermittlung, Lernprozess und Lernhaltung der Kinder und allem voraus die Erkenntnis, dass Sprache der Kommunikation dient und nicht ein simples Lernfach ist. Mit dem technischen Aufbau werden die Schüler in eine authentische Kommunikationssituation gebracht, und üben die gelernten Strukturen im Umgang mit ihren Brieffreunden. ( Bonjour, Jérémie. Comment ca va? Quel est ton sport préféré? Moi c´est le foot. ). Derselbe Inhalt wird eine Woche auf Deutsch und die darauffolgende auf Französisch durchgenommen, so dass jede Klasse abwechselnd Lerner und Lehrer ist. Die Vermittlung der eigenen Sprache erfordert eine Reflexion über die eigene Sprechweise und viel Konzentration beim Sprechen. Als Muttersprachler geben sie ein Sprachmuster vor und erhalten eines zurück. Die nichtsprachlichen Elemente (Gestik, Mimik) der Sprache, die ein wesentlicher Bestandteil der Kommunikation sind, werden mit dem Bild übertragen.
Die Schüler arbeiten selbstständig, denn sie beherrschen Struktur und Wortschatz, weil der Ablauf und die Reihenfolge klar vereinbart und an der Tafel festgehalten sind, so dass der Lehrer im Hintergrund bleiben kann und nur im Ausnahmefall und bei technischen Problemen eingreift.
Effekte
Beide Schulen machen sehr positive Erfahrungen. Die Schüler zeigen viel Eifer, Einsatz und Motivation im Unterricht, bei der realen Begegnung gehen sie mit der Sprache und dem Brieffreund viel sicherer und vertrauensvoller um. Sie erfahren mehr von der Umgebung und vom Schulleben des Partners, durch das Fixieren der Informationen haben sie einen leichteren und selbstverständlicheren Zugang zu den grammatikalischen Formen ( „j´ai 10 ans, il a 10 ans / mon sport préféré, son sport préféré ).
Technische Voraussetzungen Zukünftig wird es in jedem Klassenzimmer einen Computer mit Internetzugang geben. Zur Zeit arbeiten wir im Computerraum an einem einzigen Computer mit MSN Messenger. Der Standort Klassenzimmer ist in jeder Hinsicht ideal: gewohnte, vertraute Umgebung und Originalschauplatz, alle Materialien sind vorhanden, kein Zimmerwechsel. Der Standort "Computerraum" schafft wiederum eine spezielle Lernatmosphäre, in der die Kinder gerne und motiviert arbeiten. Als Hardware werden benötigt: ein Computer mit Betriebssystem "Windows 98/XP/Millenium", eine Webcam, ein Headset mit Mikrophon und ein DSL-Anschluß. Als Software wird der MSN Messenger benötig, der sich kostenlos herunterladen lässt: (www.msn.com) . Eine hotmail-Adresse (www.hotmail.com) muss angemeldet und registriert werden. Die Verbindung mit dem MSN Messenger ist schnell aufgebaut und kann von den Kindern selbst problemlos durchgeführt werden. Zur Unterstützung ist es ratsam, den Chat einzuplanen, der den Lehrern bei technischen Problemen oder bei der Durchführung der Stunde weiterhelfen kann. Falls es mit dem Ton Schwierigkeiten gibt, ist eine telefonische Verbindung hilfreich.
Weitere Anwendungsmöglichkeiten in einem Comeniusprojekt
Da eine virtuelle Begegnung Entfernungen und Grenzen überwindet, liegt es nahe, dieses Projekt auf europäischer Ebene zu erweitern. Die Kinder der Keilberthschule können ihren Schulalltag nach Spanien senden, und wiederum im selben Augenblick an einem spanischen Unterricht teilnehmen. Folgende Schulen haben ihr Interesse an der hier beschriebenen Arbeit gezeigt und sich dem Comenius-Projekt „ Fremdsprachenlernen mit der Hilfe der neuen Medien“ der Keilberthschule angeschlossen: Ecole primaire Saint-Maximin( Frankreich), scuola di Buger ( Mallorca/ Spanien), scuola Baracca Firenze ( Italien) scola Antipa Botosani ( Rumänien). Deutsch und Französisch wurden als Kommunikationssprachen vereinbart. Das erste Treffen, bei dem sich alle Partner kennen lernten und einer virtuellen Begegnung beiwohnten, fand in der Keilberthschule vom 27. September bis 2. Oktober 2004 statt. Die Kooperation ist für die nächsten drei Jahre geplant.
Der inhaltliche Ablauf weicht ein wenig von der erprobten Spracharbeit ab, da mehrere Sprachen vertreten sind und kein richtiger Sprachkurs ablaufen soll. Das Ziel Kommunikation in verschiedenen Sprachen bleibt allerdings an erster Stelle. Kommuniziert wird von Klasse zu Klasse. Innerhalb der drei Projektjahre soll jede Schule die Möglichkeit nützen, den vier anderen Klassen virtuell mit ausgesuchten Inhalten zu begegnen. Parallel dazu wird die wöchentliche Spracharbeit zwischen Frankreich und München fortgeführt. Zusätzlich zu den punktuellen Begegnungen mit allen Schulen können zwei Schulen beschließen, sich regelmäßig zu „besuchen“ und einen Einblick in ihr Schulleben zu geben. Zum Beispiel das Morgengedicht, oder ein Geburtstag oder der erste Schnee oder der Nikolaus. Die Inhalte ergeben sich aus dem aktuellen und realen Schulleben und den Traditionen eines Landes.
Übergeordnete Ziele
Die Schüler sollen lernen und verstehen, dass alle Sprachen gleichwertig sind, dass andere Länder andere Sitten haben und dass ihre eigene Welt nur eine von vielen möglichen ist. Im vertrauten Rahmen des Klassenzimmers und mit den Erklärungen sowie der Unterstützung der Lehrerin lässt sich auch das Thema Toleranz gut in den Unterricht integrieren. Für die Lehrerin bietet sich die Chance und die Möglichkeit, vom Klassenzimmer aus sich mit anderen Kolleginnen Europas auszutauschen und ihre Sprachkenntnisse zu nützen. Es ist zudem eine sinnvolle Nutzung der neuen Medien in der Schule, insbesondere weil dadurch mehr an Realität in das alltägliche Sprachenlernen kommen kann. Unsere Hoffnung ist, dass wenn die Schulkinder eine positive und sinnvolle Verbindung von neuen Medien und Fremdsprachen in der Schule erlebt und dadurch auch Offenheit und Toleranz gelernt haben sie als zukünftige Europäer diese Werte auch eher aktiv vertreten.